Caroline Schleicher-Krähmer

Name | Portrait | Persönlichkeit

Der Name

eigenhändige Unterschrift

Caroline Schleicher-Krähmers 1837

Ob die Namensführung einer Frau des 19. Jahrhunderts etwas über ihr Selbstverständnis oder mehr über die gesellschaftlichen Usanzen jener Zeit aussagt, sei dahingestellt.

In sämtlichen bisher aufgefundenen und von Caroline selbst unterzeichneten Dokumenten schrieb sie ihren Vornamen mit „C“ zu Beginn und mit „e“ am Ende, also „Caroline“.

Allerdings nahm man es mit der exakten Schreibweise zu jener Zeit nicht so genau, sodass sich ihr Name in anderen Quellen durchaus auch als „Karoline“, „Karolina“ oder „Carolina“ findet.

Vor ihrer Heirat führte sie ihren Namen schlicht in der Form „Caroline Schleicher“.

Anschliessend findet sich in allen von ihr unterzeichneten Dokumenten die Form „Caroline Krähmer, geb. Schleicher“.

Wie bedeutsam für sie die Angabe ihres Mädchennames war, zeigt sich in einer Anmerkung ihrer  Autobiographie:

„Unter dem Buchstaben S. dürfte wohl stehen, „Schleicher, siehe Krähmer Caroline etc:“ sowie

„[…] und bin allein noch übrig von der in vielen Ländern sehr bekannten musicalischen Familie Schleicher.“

Ich habe mich bei der Schreibweise ihres Nachnamens für die heute üblichere Version „Schleicher-Krähmer“ entschieden, um Caroline Schleicher-Krähmer zum einen unter beiden Namen auffindbar zu machen und zum anderen, um ihrem eigenen Gebrauch gerecht zu werden und beide Namen anzuführen.

Das Portrait

Caroline Schleicher-Krähmer

um 1813

 

Zentralbibliothek Zürich,

Graphische Sammlung und Fotoarchiv

Viele Jahre hatte ich nach einem Porträt von Caroline Schleicher-Krähmer gesucht. Da sie in ihrer Autobiographie schrieb „Mein Ruf verbreitete sich immer mehr und mehr; in allen Zeitungen jener Städte wo ich Concerte gab, waren die vorteilhaftesten Rezensionen und Gedichte über mein Spiel zu lesen.“, schien es durchaus denkbar, dass auch ein Porträt von ihr existieren müsste.

Während Caroline Schleicher-Krähmers Jahren in Wien galt Josef Kriehuber (1800 – 1876) als einer der ersten Lithographen. Er portraitierte im Lauf der Jahre unzählige Personen von Rang und Namen. Doch konnte in seiner Sammlung weder ein Bild Carolines noch ihres Mannes Ernst Krähmer gefunden werden.

Anhand einer meiner Artikel aus dem Jahr 2010* gelang es Frau Dr. Anna Lehninger, die damals noch in der Graphischen Sammlung der Zentralbibliothek Zürich arbeitete, das Porträt Caroline Schleicher-Krähmers zuzuordnen. Es befand sich in einem Konvolut mehrerer Porträts Diethelm Heinrich Lavaters (1780 – 1827). Dieser war Mitglied einer der ältesten Zürcher Familien und als Apotheker in der Apotheke seines Onkels tätig. Er war Amateurporträtist, jedoch keinesfalls dilettantisch. Es gelang ihm zahlreiche Persönlichkeiten der Zürcher Gesellschaft zu zeichnen. Seine Bilder zeichnen sich durch eine ausgeprägte Lebhaftigkeit aus.

Eine zeitliche Zuordnung des Bildes ist schwierig. Vermutlich entstand das Bild jedoch noch vor 1815, da ein späterer Aufenthalt Caroline Schleicher-Krähmers erst wieder nach Diethelm Lavaters Ableben nachweisbar ist. Sie dürfte also ca. neunzehn Jahre alt gewesen sein.

Es handelt sich bei dem Porträt um eine Zeichnung mit schwarzer Kreide und Rötel, welche stellenweise weiss erhöht ist. Das Bild und Blatt sind oval und messen 16,9 x 12,7 cm.

* Nicola Färber, Caroline Schleicher-Krähmer. Eine Spurensuche“, in: Frauen hör- und sichtbar machen. 20 Jahre „Frau und Musik“ an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, hrsg. von Sarah Chaker u. Ann-Kathrin Erdélyi, Wien 2010, S. 179–193

Die Persönlichkeit

Es ist bei einer noch lebenden Person schon nicht einfach, deren Persönlichkeit zu beschreiben. Und eine jede solche Beschreibung beinhaltet zwangsläufig auch die beschreibende Person, den Autor.

Bei einer Persönlichkeit, die vor mehr als 200 Jahren lebte, ist dies jedoch noch weit schwieriger. Nachdem mich Caroline Schleicher-Krähmer nun aber seit mehr als 15 Jahren „begleitet“, möchte ich dennoch den Versuch einer Annäherung anhand einiger Kriterien wagen.

Caroline Schleicher-Krähmer verstand sich selbst als Künstlerin. Dies zeigt sich beispielsweise

  • in ihrer Aussage „Hier [in Darmstadt] erging es mir sonderbar; Ich war an den Hof empfohlen, doch derselbe war nicht geneigt mich hören zu wollen, und schickte mir als Entschädigung 5 Louis dor. Dies kränkte jedoch meine Künstlerehre, und um dieser Genugtuung zu verschaffen, spielte ich in dem andern Liebhaberconcerte unendgeldlich.“
  • in ihrer Schilderung „Eine tiefe Rührung bemeisterte sich meiner die nur der sich producierende Künstler fühlen kann […]“
  • sowie „Nach einem mehr als zweijährigen Aufenthalte in Karlsruhe, erwachte in mir aufs Neue der unwiderstehliche Drang zum Reisen, um meine Talente wieder mehr zu veröffentlichen.“

Caroline Schleicher-Krähmer war offenbar eine äusserst pflichtbewusste und loyale Persönlichkeit. Dies lässt sich u.a. an folgenden Fakten ableiten:

  • Caroline nahm ihren Neffen, eine Nichte und eine jüngere Cousine bei sich auf, sowohl da diese zu (Halb-)Waisen geworden waren als auch, um sie in der Musik zu unterrichten und ihnen auf diese Weise eine eigene Einkommensbasis zu ermöglichen.
  • sie übernahm die Pflichten ihres Vaters Franz Joseph Schleicher als dieser krankheitsbedingt seine Aufgaben als Stadtmusiker in Pforzheim nicht mehr erfüllen konnte.
  • sie schlug zahlreiche Angebote zu Festanstellungen aus. „[…] allein, was hätte meine Familie unterdeßen ohne mich begonnen! Ich mußte also aus Aufopferung für dieselbe Ihrer Majestät [die bayrische Königin Caroline] für alle Gnade danken.“
  • bevor Caroline Deutschland verliess, um sich in Wien niederzulassen, nahm sie Abschied von ihrer Mutter und ihren Freunden und Bekannten: „Schwer wurde mir der Abschied von so vielen Edlen die ich dort kannte.“ Zudem besuchte sie noch einmal ihre Ziehmutter in Zizenhausen und ihren Onkel in der Schweiz.

Wenn es für Frauen um 1800 ungewöhnlich war einem eigenen Beruf nachzugehen, wie ungewöhnlich muss es gewesen sein, dass Caroline Schleicher-Krähmer dies unter den Augen der kritischen Öffentlichkeit tat? Sie selbst hatte „[…] nach einem mehr als zweijährigen Aufenthalte in Karlsruhe […]“ das Bedürfnis, ihre „[…] Talente wieder mehr zu veröffentlichen.“ Sie trat also ganz bewusst den Weg in die Öffentlichkeit an. Sie verfügte demnach über ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein als Musikerin.

Für viele Frauen war eine möglichst vorteilhafte Heirat der einzige Weg zu einem gesicherten Unterhalt. Caroline Schleicher-Krähmer hatte jedoch durch ihre Eltern und zahlreiche Privatlehrer einen Beruf erlernt und konnte sich selbst unterhalten. Die Heirat ihrer älteren Schwester Cordula, die gegen des Vaters Willen eingegangen wurde, muss für Caroline eine schwere Zeit bedeutet haben. Vater und Schwester waren im Zwist und Cordula verliess die Familie. Möglicherweise war dies der Grund weshalb Caroline ihre Unabhängigkeit sehr lange wahrte und Ernst Krähmers Antrag nicht sofort annahm:

„Während dieser Zeit bemerkte ich wohl, daß ich Krähmer nicht gleichgültig geblieben war, und ich hätte sogleich in Wien bleiben dürfen um seine Gattin zu werden, doch schien mir dies zu übereilt, und er gab meinem Vorschlage Gehör, daß ich zu meiner Mutter zurück reise, und wir die Ehe schließen könnten, wenn nach halbjähriger Trennung wir noch des nämlichen Sinnes wären.“

Caroline Schleicher-Krähmer war vermutlich sehr zielstrebig, da sie

  • bereits früh gelernt hatte, dass es keinerlei Absicherungen gab. Ohne sie wäre ihre Familie ab jenem Zeitpunkt, als der Vater zu kränkeln begann, verloren gewesen.
  • wusste, dass Musik für sie die einzige Möglichkeit zum Unterhalt war.
  • das Musizieren liebte und zur Perfektion bringen wollte: „Die Klarinette und das Klavier spielte ich mit solcher Leidenschaft, daß beyde Instrumente mir oft verschloßen werden mußten.“

Dieser Zielstrebigkeit und der Erfahrung, dass das Leben hart war, war vermutlich auch eine gewisse Härte und Strenge geschuldet. Ganz nach dem Motto „Ohne Fleiss, kein Preis“ unterrichtete sie beispielsweise ihre Klavierschülerin Marie von Ebner-Eschenbach, welche ihr in ihren „Kindheitserinnerungen“ kein allzu freundliches Denkmal als Lehrerin setzte:

„Indessen – meine Leiden beim Tanzunterricht zählten nicht im Vergleich zu denen bei den Klavierstunden, die eine Frau Krähmer uns erteilte. Eine strenge Lehrerin und nicht bloß gegen mich, die musikalisch völlig Unbegabte, sondern auch gegen meine Schwester, die, talentvoll und fleißig, eine freundliche Behandlung verdient hätte.“

Und in einem Brief von Caroline Schleicher-Krähmers Enkel Ferdinand Krähmer schrieb dieser an Marie von Ebner-Eschenbach bezüglich der oben genannten Publikation:

„Die ganze Herbheit dieser Künstlerin, die nach dem frühen Tode ihres Mannes, eines Hofmusikers am Kärntnertor-Theater, die schwere Aufgabe zu erfüllen hatte, ihre fünf Kinder zu erziehen, ist in Ihrer Darstellung wunderbar gezeichnet. Die Art ihrer Kleidung und ihres Auftretens, ihres Künstlertums und ihrer Verschlossenheit nach außen. Sie entspricht durchaus den Vorstellungen, die mir geläufig geworden sind.“

  • Caroline Schleicher-Krähmers Leben war von Kindheit an vom Reisen geprägt. Dies hatte jedoch vermutlich nicht nur Auswirkung auf ihre Kleiderwahl sondern auch auf ihre Persönlichkeit. Natürlich war das Reisen für Künstler auf derart hohem Niveau zu jener Zeit überlebenswichtig. Festanstellungen brachten in der Regel ein schlechteres Einkommen mit sich als Konzertreisen (bzw. „Kunstreisen“, wie Caroline Schleicher-Krähmer sie nannte). Allerdings bedeuteten Konzertreisen auch ein enormes finanzielles Risiko.  Caroline Schleicher-Krähmer ging diese Risiken bewusst ein.
  • Neben dem finanziellen Risiko bargen Reisen damals jedoch noch zahlreiche weitere Risiken, wie beispielsweise den Verlust des Gepäcks, das häufig das einzige Hab und Gut der Reisenden darstellte oder das Risiko von Infektionen. Die Gasthöfe jener Zeit waren nicht von Sauberkeit und gutem Essen geprägt wenn man den zahlreichen Reiseberichten jener Zeit Glauben schenkt.
  • Und nicht zuletzt ging Caroline Schleicher-Krähmer bewusst das Risiko ein, ihren guten Ruf als ehrbare Frau zu verlieren. Nach dem Tod des Vaters ging sie alleine bzw. nur in Begleitung ihres 11jährigen Neffen auf Reisen.

Reisen bedeutet und bedeutete, sich rasch neuen Gegebenheiten anzupassen, organisiert und doch flexibel zu sein. Diese Eigenschaften dürften Caroline Schleicher-Krähmer in Fleisch und Blut übergegangen sein.

  • Die Sterblichkeitsrate im 19. Jahrhundert war hoch. Bezüglich Wien gab ein Reiseführer von 1837 die „mittlere Lebensdauer“ für einen Wiener in den Jahren 1802 – 1825 mit 36 bis 40 Jahren an, für eine Wienerin mit 41 bis 45 Jahren. Caroline verstarb im April 1873 in Wien, erreichte also mit 79 Lebensjahren ein aussergewöhnlich hohes Alter.
  • Bedenkt man zudem, dass die Geburtenrate sehr hoch war und es durchaus nicht ungewöhnlich war, dass eine Frau zehn und mehr Kinder gebar, gewinnt Caroline Schleicher-Krähmers hohes Alter umso mehr an Bedeutung. Sie gebar zehn Kinder. Eine Schwangerschaft war gar eine Zwillingsschwangerschaft.
  • Es findet sich auch an keiner anderen Stelle, in keinem Brief, keiner Kritik und auch nicht in der Autobiographie auch nur der leiseste Hinweis auf ein Unwohlsein oder gar eine Krankheit Caroline Schleicher-Krähmers.

Caroline Schleicher-Krähmer war offenbar eher pragmatisch und wenig an Äusserlichem interessiert. So schrieb sie über sich selbst

„[…] denn nie war ich eine Freundin von Eitelkeit u. Putzsucht“.

Wobei mit „Putzsucht“ gewiss die Sucht danach gemeint war, sich „herauszuputzen“. Betrachtet man die Mode jener Jahre, die sowohl bei den Damen als auch bei den Herren auf ausgefallene Accessoires, Muster und Stoffe aufwies, war Carolines „schlichter“ Aufzug eher ungewöhnlich. Schwer zu pflegende oder körperlich einengende Kleidung wie beispielsweise weit ausladende Ärmel, lange Schleppen oder Samtschuhe wären vermutlich sowohl beim Musizieren als auch beim Reisen hinderlich gewesen.

Auf Caroline Schleicher-Krähmers schlichte Kleidung wurde auch in mehreren Konzertkritiken hingewiesen. Auch in Beethovens Konversationsheften findet sich dies bestätigt:

„Du erinnerst dich noch der Violin u. Clarinet-spielerin, die uns mit ihrem Mann, einem Hoboisten, so viel ich mich erinnere, begegnete, und nach Rußland reiste? – Auch die war im Concert, aber äusserst einfach gekleidet, in demselben Tuchmantel, worin ich sie damahls sah. Pfeiffer, glaub’ ich, heißt sie.“

Und schliesslich zeigt auch das Porträt von Caroline Schleicher-Krähmer aus jungen Jahren nur einen dunklen Mantel mit Stehkragen, kein Häubchen oder anderen Haarschmuck und lediglich einen schlichten, goldenen Ohrring.

Dass Caroline Schleicher-Krähmer zwar streng sein konnte und eher verschlossen wirkte, bedeutete ganz offensichtlich jedoch nicht, dass sie nicht tiefer Emotionen fähig war:

  • „[…] denn ich war eben so gestimmt, daß ich glaube, ihn nie so gespielt zu haben als an diesem Abende, der Bodensee mit seinen schönen Gegenden und die romantische Schweiz, der Aufenthalt meiner Jugendjahre lagen mir an diesem Abend schwer auf dem Herzen.“
  • „In Augsburg hatte ich das Glück den berühmten Rode zu hören. Die Nacht vor seinem Koncerte konnte ich vor Freude nicht schlafen; Endlich sah und hörte ich ihn, wie gab ich Acht auf seine Haltung, Bogenführung und seinen Ton, ich war ganz Auge und Ohr und außer mir vor Freude, ihn gehört zu haben.“

Man kann davon ausgehen, dass Caroline Schleicher-Krähmer sehr organisiert und strukturiert war, da sie

  • auf zahlreiche Konzertreisen ging, was zu damaliger Zeit einen ungemein grösseren Organisationsaufwand als heute bedeutet haben muss
  • jährlich Konzert in Wien gab, was ohne organisatorischen Aufwand und regelmässiges Üben nicht möglich gewesen sein konnte
  • beispielsweise „auf drei Monathe Urlaub“ von ihren Schülerinnen in Karlsruhe nahm, um nach der Rückkehr von ihrer ersten eignen Konzerttournee die Unterrichtstätigkeit in Karlsruhe fortsetzen zu können
  • sie bewusst Kritiken und Empfehlungsschreiben sammelte, um sich Türen zu Konzerten öffnen zu können
  • sie als Witwe und alleinerziehende Mutter von fünf minderjährigen Kindern ohne diese Eigenschaften wohl keinen Unterhalt für sich und ihre Familie hätte erwirtschaften können.